Veröffentlicht am 29. August 2026
Was ist ein Pflegevertrag auf Lebenszeit in der Türkei? Voraussetzungen und ein wegweisendes Urteil – 2026

Es ist eine im ländlichen Anatolien sehr verbreitete Vereinbarung.
Ein älteres Familienmitglied überträgt sein Haus oder Grundstück an einen Angehörigen im Gegenzug dafür, bis zu seinem Tod gepflegt und versorgt zu werden.
Doch manchmal wird dieses Pflegeversprechen nicht eingehalten.
Eine aktuelle, vielbeachtete Entscheidung des türkischen Kassationshofs behandelt genau dieses Szenario: Ein Großvater übertrug nach dem Tod seiner Ehefrau sein Grundstück auf seinen Enkel im Gegenzug für lebenslange Pflege – doch der Enkel kochte nicht für ihn und besuchte ihn nicht einmal an Feiertagen.
In diesem Ratgeber erläutern wir Frage für Frage, was ein Pflegevertrag auf Lebenszeit ist, welche Voraussetzungen gelten und was diese wegweisende Entscheidung bedeutet.
Was ist ein Pflegevertrag auf Lebenszeit?
Ein Pflegevertrag auf Lebenszeit (ölünceye kadar bakma sözleşmesi) ist eine Vereinbarung, durch die sich eine Person (der Pflegegläubiger) verpflichtet, ihr Vermögen oder einen bestimmten Vermögenswert an eine andere Person (den Pflegeschuldner) zu übertragen, im Gegenzug dafür, dass diese sie bis zum Tod pflegt und versorgt.
Es handelt sich um einen zweiseitigen Vertrag mit wechselseitigen Pflichten – das unterscheidet ihn von einer einseitigen Schenkung.
Worauf stützt sich dieser Vertrag rechtlich?
Der Pflegevertrag auf Lebenszeit ist in Art. 611 ff. des türkischen Obligationenrechts geregelt.
Kann dieser Vertrag mündlich geschlossen werden?
Nein.
Nach Art. 612 des Obligationenrechts muss ein Pflegevertrag auf Lebenszeit in Form eines Erbvertrags geschlossen werden – das heißt in der Form eines öffentlichen Testaments.
Die Parteien müssen ihren Willen gleichzeitig gegenüber einer Urkundsperson (einem Notar oder Friedensrichter) erklären und den Vertrag in Gegenwart dieser Person sowie zweier Zeugen unterzeichnen.
Ist der Vertrag gültig, wenn diese Formvorschrift nicht eingehalten wird?
Nein.
Auf Grundlage eines nicht in der öffentlichen Form errichteten Pflegevertrags auf Lebenszeit kann rechtlich keine Grundbuchberichtigung verlangt werden.
Mit anderen Worten: Eine mündliche Abrede nach dem Motto „Kümmere dich um mich, dann hinterlasse ich dir das“ begründet keinen rechtlich bindenden Pflegevertrag auf Lebenszeit.
Gibt es eine Ausnahme von dieser Formvorschrift?
Ja, eine begrenzte.
Nach Art. 612/2 kann für Verträge, die von einer staatlich anerkannten Pflegeeinrichtung nach den von den zuständigen Behörden festgelegten Bedingungen geschlossen werden, die Schriftform genügen.
Diese Ausnahme gilt jedoch nicht für gewöhnliche Verträge zwischen Privatpersonen.
Was genau umfasst die Pflegepflicht?
Sofern nichts anderes vereinbart ist, wird die Pflicht des Pflegeschuldners weit ausgelegt.
Sie umfasst die Aufnahme des Pflegegläubigers in den Familienhaushalt, die Versorgung mit Nahrung und Kleidung, die Organisation ärztlicher Behandlung im Krankheitsfall sowie auch emotionalen Beistand.
Die wegweisende Entscheidung: Enkel, der seinen Großvater nicht pflegte, verliert das Grundstück
Im vorliegenden Fall übertrug ein Großvater, der seine Ehefrau verloren hatte, sein Grundstück im Gegenzug für lebenslange Pflege auf seinen Enkel.
Der Enkel kam seinen vertraglichen Pflichten jedoch nicht nach – er kümmerte sich nicht um seinen Großvater und besuchte ihn nicht einmal an Feiertagen.
Der Großvater erhob Klage auf Berichtigung des Grundbuchs.
Das erstinstanzliche Gericht gab ihm recht.
In der Berufungsinstanz hob das Regionale Berufungsgericht die Entscheidung zugunsten des Enkels auf.
Als der Rechtsstreit den Kassationshof erreichte, entschied dessen Großer Senat der Zivilkammern zugunsten des Großvaters und ordnete die Berichtigung des Grundbucheintrags an.
Unter welchen Voraussetzungen kann eine Klage auf Grundbuchberichtigung erhoben werden?
Kommt der Pflegeschuldner seinen vertraglichen Pflichten nicht nach, kann der Pflegegläubiger (oder seine Erben) die Aufhebung des Vertrags und die Rückübertragung des übertragenen Vermögenswerts verlangen.
In einem solchen Fall prüft das Gericht anhand konkreter Beweise, ob der Pflegeschuldner seine Pflegepflichten tatsächlich erfüllt hat.
Kann der Pflegegläubiger den Vertrag einseitig kündigen?
Grundsätzlich ist eine einseitige Kündigung ohne wichtigen Grund nicht möglich.
Eine schwerwiegende Pflichtverletzung des Pflegeschuldners kann jedoch einen wichtigen Grund für die Kündigung und die Berichtigung des Grundbucheintrags darstellen – genau wie in der oben dargestellten wegweisenden Entscheidung.
Können andere Erben gegen diesen Vertrag vorgehen?
Da ein Pflegevertrag auf Lebenszeit wechselseitige Pflichten begründet, wird er grundsätzlich nicht als Schenkung behandelt und unterliegt nicht unmittelbar der Herabsetzungsklage.
Besteht jedoch ein eindeutiges und krasses Missverhältnis zwischen dem Wert des übertragenen Vermögenswerts und der tatsächlich erbrachten Pflege, können andere Erben geltend machen, dass der Vertrag in Wirklichkeit eine Schenkung verschleiert, und darauf gestützte Rechtsmittel verfolgen.
Ein solcher Anspruch ist anhand der konkreten Beweise des Einzelfalls zu beurteilen.
Was passiert, wenn der Pflegeschuldner zuerst verstirbt?
Sofern im Vertrag nichts anderes vereinbart ist, geht die Pflegepflicht bei seinem Tod nicht auf die Erben des Pflegeschuldners über; in diesem Fall wird das weitere Schicksal des Vertrags anhand der konkreten Umstände beurteilt.
Was Sie vermeiden sollten
Sich auf eine mündliche Abrede verlassen
Eine mündliche Abrede wie „Kümmere dich um mich, dann hinterlasse ich dir das“ begründet keinen rechtlich bindenden Pflegevertrag auf Lebenszeit.
Die öffentliche Formvorschrift überspringen
Verträge, die nicht vor einem Notar oder Friedensrichter in Form eines Erbvertrags (öffentliches Testament) errichtet wurden, sind unwirksam.
Verstreichen lassen, ohne eine Pflichtverletzung zu dokumentieren
Zeugenaussagen, Korrespondenz und andere Beweise dafür, dass die Pflegepflicht nicht erfüllt wurde, sollten rechtzeitig gesichert werden.
Kurze Checkliste
Lassen Sie den Vertrag vor einem Notar oder Friedensrichter in Form eines öffentlichen Testaments errichten.
Legen Sie den Umfang der Pflegepflicht so klar wie möglich fest.
Sammeln Sie Ihre Beweise (Zeugen, Korrespondenz, ärztliche Unterlagen), wenn Sie meinen, die Pflicht werde nicht erfüllt.
Lassen Sie sich von einem Rechtsanwalt zur Kündigung und Grundbuchberichtigung beraten.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein Pflegevertrag auf Lebenszeit dasselbe wie ein Testament?
Nein. Ein Testament ist eine einseitige letztwillige Verfügung, während ein Pflegevertrag auf Lebenszeit eine von beiden Parteien gemeinsam unterzeichnete zweiseitige Vereinbarung mit wechselseitigen Pflichten ist.
Ich habe meinem Enkelkind mündlich gesagt, ich würde ihm mein Haus im Gegenzug für Pflege hinterlassen – ist das bindend?
Nein. Vereinbarungen, die nicht in der vorgeschriebenen öffentlichen Form (als öffentliches Testament) errichtet wurden, stellen rechtlich keinen Pflegevertrag auf Lebenszeit dar.
Was, wenn der Pflegeschuldner eine Weile pflegt und dann damit aufhört?
Der Pflegegläubiger kann nachweisen, dass die Pflichten nicht erfüllt wurden, und die Aufhebung des Vertrags sowie die Rückgabe des übertragenen Vermögenswerts verlangen.
Wie wird dies vor Gericht bewiesen?
Das Gericht würdigt Beweismittel wie Zeugenaussagen, Aussagen von Nachbarn und Angehörigen, ärztliche Unterlagen und Korrespondenz.
Fazit
Der Pflegevertrag auf Lebenszeit ist eine häufig genutzte Gestaltung, insbesondere wenn die Pflege eines älteren Familienmitglieds einem Angehörigen anvertraut wird – doch es handelt sich um einen Vertragstyp, der sowohl hinsichtlich der Formvorschriften als auch der Beweisführung sorgfältiger Vorbereitung bedarf.
Ob Sie einen solchen Vertrag aufsetzen möchten oder der Ansicht sind, dass seine Pflichten nicht erfüllt werden – wir empfehlen dringend, zum Schutz Ihrer Rechte einen Rechtsanwalt zu konsultieren.
Atalya Hukuk Bürosu berät und vertritt Mandanten in Antalya bei Pflegeverträgen auf Lebenszeit und erbrechtlichen Klagen auf Grundbuchberichtigung.
Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Rechtsberatung dar. Bitte konsultieren Sie für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Einschätzung einen Rechtsanwalt.
Quellen
• Türkisches Obligationenrecht Nr. 6098, Art. 611–619
• Türkisches Zivilgesetzbuch Nr. 4721, Art. 545
• Wegweisende Entscheidung des Großen Senats der Zivilkammern des Kassationshofs aus dem Jahr 2026 zu Pflegeverträgen auf Lebenszeit

Dieser Inhalt wurde vom Rechtsteam der Atalya Hukuk Bürosu erstellt und geprüft.
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